13. AUGUST - 50. JAHRESTAG DES MAUERBAUS PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: Horst Janßen   

13. AUGUST – 50. JAHRESTAG DES MAUERBAUS

Eine Erlebnisberichtfolge des Kameraden Klaus Schmidt, der RK Marine Berlin e.V. Der Freundeskreis des EGV Berlin, der Offiziers der Volksmarine war (Teil 7). Ein Zwischenspann aus der Deutschen Geschichte aus seiner Jugendzeit.

Sommer 1961.
Meine Eltern, mein Bruder und ich waren im Urlaub. In Heringsdorf.
Dort interessierte ich mich nicht unbedingt für die große und kleine Weltpolitik. Mich interessierten die netten, durch Ostseesonne gebräunten Mädchen.
Außerdem hatte ich mein erstes EOS Jahr, ich war 1960 an die EOS, Erweiterte Oberschule (Gymnasium) „Karl – Friedrich – Schinkel“ gekommen, nicht gerade erfolgreich beendet.
Ich war gerade noch, mit Zudrücken aller Augen, einschließlich der Hühneraugen von Lehrer und Schulleitung, versetzt worden.
Der Übergang von der POS (Polytechnischen Oberschule), zur EOS, ist nicht so reibungslos verlaufen wie ich es mir vorgestellt hatte.
Also, kurz und gut, ich war froh mich nach den Mädchen umschauen zu können.
Im Spätsommer 1960 erschien der Roman „Die Abenteuer des Werner Holt“. Dieser Roman machte unter den militärisch interessierten Pennälern die Runde.
Innerhalb der GST, Gesellschaft für Sport und Technik, wurde gerade begonnen die vormilitärische Ausbildung zu erweitern.
Neben der bisherigen GST – Ausbildung, Motorradgeländesport, Schießsport, Segelfliegen und Seemannschaft wurde die „infanteristische Ausbildung“ intensiviert.
Einige Schulkameraden und ich, wir hatten das Ziel Offiziere der NVA zu werden, haben sich gerade in diesem Bereich engagiert.
Der Roman und die dort beschriebenen Erlebnisse eines Gymnasiasten als Flakhelfer und während der Ausbildung in der deutschen Wehrmacht Anfang
der vierziger Jahre, interessierten uns mehr als alles andere.
Nichts deutete in irgendeiner Form auf die kommenden Ereignisse.
Am Sonnabend, 12. August, hatten meine Eltern einen Theaterbesuch.
Als der große Bruder bekam ich den Auftrag meinen kleinen Bruder zu versorgen und dann ins Bett zu gehen.
In meinem Elternhaus wurde nie diskutiert. Es gab klare Anweisungen und, das war’s.
Wir hatten damals eine ziemlich große Wohnung. Das „Kinderzimmer“ lag am
Ende eines recht langen Flures. Damit ich hören konnte wenn die Eltern nach Hause kommen oder das Klingeln an der Wohnungstür hörte, blieb die Zimmertür offen.
Irgendwann kamen meine Eltern nach Hause. Ich habe es gehört, mich aber
weiter schlafend gestellt, denn nach dem mein Bruder eingeschlafen war, habe ich noch in die Röhre (Fernseher) geschaut. Wahrscheinlich „Westfernsehen“,
denn solche Gelegenheiten gab es nicht oft.
Mutter schaute nach uns.
Nach dem Theaterbesuch waren sie sicherlich noch ein Gläschen, oder auch zwei trinken gegangen. Das Schlafzimmer meiner Eltern lag gleich neben der Wohnungstür. Irgendwann nachts klingelte es. Wir hatten keine elektrische Klingeln, sondern eine Klingel, die von außen gedreht werden musste.
Ich bin wach geworden. Aus dem elterlichen Schlafzimmer keine Reaktion.Nach dem zweiten oder dritten Mal klingeln bin ich zur Wohnungstür. Ich fragte wer da ist.
„Ist Vater zu Hause?“
Da die Sicherungskette eingehängt war schloss ich die Tür auf. Es standen zwei Männer dort, die mir gerade ihre Ausweise zeigen wollten, da erschien Vater.
Im barschen Ton schickte er mich zurück. Beim Rückweg ins Zimmer hörte ich nur noch so etwas wie „…sofort ins ZK kommen! Wir machen dicht!“
Vater war Mitarbeiter des Zentralkomitees der SED. Welche Tätigkeiten er dort ausgeübt hat, kenne ich nur zu einem geringen Teil. Es war in meinem Elternhaus
nicht üblich, detailliert über die Arbeit Vaters zu sprechen. Ich hörte noch wie Vater die Wohnung verließ. Später musste es wieder geläutet haben.
Diesmal war Mutter sofort an der Tür. Wir Kinder hatten es nicht gehört, denn die Zimmertür war ja, auf Vaters Anweisung, geschlossen.
Mutter weckte mich und erklärte mir, dass sie auch außer Haus muss.
Ich sollte mit meinem Bruder Frühstück machen und dann zu den Großeltern in den Garten fahren. So geschah es. Ich war neugierig. Als Mutter gegangen war, aufstehen, Fernseher einschalten, und … nischt.
Aber das Radio. Die Nachrichten informierten über den „Beschluss zur Sicherung der Staatsgrenze der DDR nach West-Berlin“.
Das war es also.

Logbuch11-04 01

Logbuch11-04 02

Logbuch11-04 03
Während des Frühstücks, saßen mein Bruder und ich vorm Fernseher. Das DDR Fernsehen berichtete über den Beschluss, der andere Sender zeigte von Westberliner Seite die Maßnahmen von Armee und Kampfgruppe. Es war schon aufregend. Über meine Gefühle, die ich hatte, weiß ich nichts mehr.
Eine heutige Beschreibung ist deshalb schwierig.
Angst verspürte ich nicht. Vielleicht ein wenig Wehmut. Wir, meine Freunde und ich, waren öfters mit dem Fahrrad im Westteil der Stadt unterwegs, mal ins Kino oder zum Schwimmbad „Humboldthain“.
Damit war nun Schluss. Am Vormittag sind wir dann, mein Bruder und ich, zu den Großeltern in den Garten gefahren. Auf den Weg dorthin sahen wir an der Schönhauser Allee, Ecke Eberswalder Straße eine größere Menschenansammlung und viele Uniformierte.
Eine Wahrnehmung hat sich in meinem Kopf festgesetzt.
Als wir mit dem Bus am Straßenbahnhof Niederschönhausen vorbeifuhren, meinte ich unseren Vater gesehen zu haben. Diese wurde bei einer Geburtstagsfeier, es war der 60igste, durch seine Erzählungen bestätigt. Vater war damals, als Mitarbeiter des ZK der SED, einer der Verantwortlichen für die Schließung der Grenze im Bereich Bornholmer Brücke bis nach Pankow.
Als in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1989 die Mauer fiel, dachte ich darüber nach, was mein Vater wohl empfinden würde, wenn er es noch erlebt hätte. Leider war er schon 1986 verstorben.
Auf jeden Fall bin ich am 10. November von der Oberbaumbrücke, durch Westberlin, bis zur Bornholmer Brücke.
Über die Bornholmer Brücke nach Hause gehend dachte ich an Vater. Einige Tage verbrachten meine Bruder und ich bei den Großeltern im Garten. Großvater arbeitete damals als Tischler im Haus der DSF (Deutsch-Sowjetischen-Freundschaft). Er fuhr mit dem Motorrad zur Arbeit und erzählte nur ganz wenig.
Er war mehrere Male durch die Polizei kontrolliert worden; das Haus der DSF wurde besonders bewacht; aber man kannte ihn dort und so gab es dann auch keine Probleme. Sicher hatten ihn die Ereignisse des 17. Juni 1953, damals in Magdeburg, beeinflusst, sich nicht detailliert zu äußern. Ich habe die Tage im Garten genutzt, um mit dem Fahrrad den Bau der Grenzbefestigungen zu beobachten. Am 1. September begann die Schule wieder.
Gleich am ersten Tag, alle Schüler in die Aula. Dort gab es die Information noch einmal warum, weshalb, wieso, …. die Grenzsicherungsmaßnahmen durchgeführt worden sind.
In den ersten Wochen wurde in den Klassen heftig diskutiert, wobei ich, wie sollte es anders sein, den Mauerbau verteidigte. Eine andere Geschichte ist mir im Gedächtnis geblieben. An unserer Schule tauchten eine Reihe neuer Schüler und Schülerinnen auf. Auch wir bekamen in unserer Klasse einen „Neuen“. Hans Böhm, später nur „Hansi“ genannt, bisher im Westteil der Stadt in einem katholischen Gymnasium gewesen, musste sich nun an einer Ostberliner EOS mit Russisch, Staatsbürgerkunde und „sozialistischer“ Geschichtsauffassung herumschlagen.
Hansi kam aus einer sehr berühmten Familie.
Seine Großeltern Italiener, Großvater der berühmte Berliner Drehorgelbauer Bacigalupo. Ein Onkel im Klinik Buch Herzspezialist.
Wir haben uns über die drei Jahre bis zum Abitur immer besser verstanden.
Wenn irgendetwas in der Schule verzapft worden war, Schmidt und Böhm waren meistens dabei.
Es entstand eine Freundschaft, die auch über die Zeit nach dem Abitur hinaus bestanden hat. Bei unserem, alle zwei Jahre stattfindenden Klassentreffen, habe ich mich immer gefreut wieder mit ihm zusammen zu treffen.
Leider ist Hansi schon verstorben.
Unsere Gespräche, Diskussionen sind nie ausgeartet. Sie waren immer von gegenseitiger Achtung und Toleranz geprägt.
Logbuch11-04 04

Auszug aus der Familienchronik bei Google
Der jährliche „Kartoffeleinsatz“ von 1961 ist mir auch noch im Gedächtnis geblieben.
Hier ist sicher eine kurze Erklärung notwendig!
Damit die „Gymnasiasten“ nicht die Verbindung zur arbeitenden Bevölkerung verlieren und größere Achtung vor der körperlichen Arbeit bekommen, wurde jedes Jahr ein helfender Ernteeinsatz – Kartoffeln sammeln- durchgeführt. Meistens eine Woche. Es war immer eine lustige, wenn auch anstrengende Sachen. Beim Ernteeinsatz 1961 gab es recht intensive Diskussionen mit den Mitgliedern der LPG über den Mauerbau. Am Abend in der Dorfkneipe wurden dann die Unterhaltungen mit jeden Bier heftiger; endeten dann aber immer friedlich.
Nachbetrachtung Beim Recherchieren über den 13. August 1961 bin ich im Internet auf sehr viele Informationen gestoßen, die mir heute ein anderes Bild geben, als ich es damals hatte.
Es waren nicht nur W. Ulbricht und seine Genossen.
Der kalte Krieg, die Auseinandersetzungen der Sowjetunion mit den USA, die Überheblichkeit eines Chruschtschows in den Gesprächen mit JFK, die miserable Wirtschaftspolitik der DDR und die damit verbundene Abwanderung von Menschen aus dem Osten Deutschlands, die Zwangskollektivierung, alles das führte zum Mauerbau.
Um die Amerikaner zu brüskieren, hatte Chruschtschow im Juni 1961 bei Gesprächen mit JFK in Wien die USA zwingen wollen, einer Veränderung des Status Westberlins zu zustimmen. Des Weiteren drohte der Kremlchef mit einem separaten Friedensvertrag UdSSR – DDR um somit die USA zu zwingen, nach Abschluss eines solchen Vertrages, mit den Behörden der DDR verhandeln zu müssen.
Es ist sehr aufschlussreich unter www.chronikdermauer.de das Dokument: Niederschrift der Unterredung N. S. Chruschtschows mit J. F. Kennedy in Wien, 4. Juni 1961 zu lesen.
Der Botschafter Deutschlands in der Sowjetunion hat in seinen Lebenserinnerungen auf ein Gespräch mit Chruschtschow verwiesen.
Auf meine Bemerkung, die Trennungsmauer müsse unter allen Umständen wieder verschwinden, erklärte Chruschtschow wörtlich:
„Die Mauer ist auf dringenden Wunsch Ulbrichts von mir angeordnet worden. Sie ist eine hässliche Sache. Aber Sie kennen die Gründe, weswegen ich sie für notwendig hielt. Ich brauche mich darüber jetzt nicht näher auszulassen. Sorgen Sie dafür, dass es zu einer allgemeinen deutsch-sowjetischen Verständigung und zu einem besseren Einvernehmen zwischen der Bundesrepublik und der DDR kommt. Dann wird die Mauer wieder verschwinden.“ [Quelle: Hans Kroll, Lebenserinnerungen eines Botschafters, Köln 1967, 525 ff.,]
Fünfzig Jahre nach Mauerbau sind geeignet darüber nachzudenken, dass nie wieder ein Volk und seine Geschichte den Machtgelüsten von Parteien und Politikern geopfert werden.